Messen & Erkennen · Reifen & Felge
Reifengröße und Maulweite bestimmen – ETRTO lesen statt Zoll raten
Bei Reifen und Felgen gibt es zwei Maße, die man auseinanderhalten muss, und beide werden regelmäßig verwechselt. Das erste ist der Felgenbett-Durchmesser: Er entscheidet, ob der Reifen überhaupt auf die Felge geht. Das zweite ist die Maulweite: Sie entscheidet, welche Reifenbreiten auf dieser Felge sinnvoll sind. Dieser Leitfaden zeigt, wie du beide abliest oder misst – und warum die Zollangabe, die überall auf der Verpackung steht, für die erste Frage nicht ausreicht.
Fang bei der ETRTO-Angabe an. Sie steht als Zahlenpaar auf der Reifenflanke, zum Beispiel „37-622“, und laut Schwalbe gibt sie „die Breite (37 mm) und den Innendurchmesser des Reifens (622 mm)“ an. Die zweite Zahl ist die entscheidende: Sheldon Brown nennt sie „the critical one: it is the diameter of the bead seat of the rim, in mm ("B.S.D."). Generally, if this number matches, the tire will fit onto the rim; if it doesn't match, the tire won't fit.“ Viele Felgen tragen dieselbe Angabe noch einmal als Aufkleber im Felgenbett oder als Prägung auf der Flanke. Stimmen die zweiten Zahlen von Reifen und Felge überein, passt es; stimmen sie nicht überein, hilft kein Zwischenteil – einen Adapter für Felgendurchmesser gibt es nicht.
Findest du nur eine Zoll- oder eine französische Angabe, lässt sie sich meist zuordnen – aber nicht immer eindeutig. Die gängigen Übersetzungen: „29 × 2.0“ und „28 × 1.40“ meinen beide 622 mm, ebenso „700 × 38C“ – laut Schwalbe steht bei der französischen Bezeichnung „Das C steht in diesem Fall für 622 mm“. „27,5 × 2.4“ ist 584 mm, „26 × 2.1“ ist 559 mm, „20 × 1.75“ ist 406 mm. Und genau hier liegt die Falle: Laut Schwalbe gilt „Die Zollangaben sind nicht präzise und nicht eindeutig.“ Konkret: „Zum Beispiel werden die Durchmesser 559 mm (MTB), 571 mm (Triathlon) und 590 mm (holländische Tourenräder) alle mit 26-Zoll bezeichnet. Reifen mit dem Durchmesser von 622 und 635 mm bezeichnet man beide als 28 Zoll. Kurioserweise werden Reifen mit einem Innendurchmesser von 630 mm als 27 Zoll betitelt.“ Bei 20 Zoll kommt dasselbe Problem dazu: Sheldon Brown führt unter diesem Namen neben 406 mm auch 451 mm. Eine Zollangabe allein ist deshalb kein Beleg – such nach der ETRTO-Zahl, bevor du bestellst.
Zwei Namen meinen dagegen zuverlässig dasselbe und dürfen dich nicht verunsichern: 27,5 Zoll und 650B. Laut Schwalbe gilt „27.5 inch tires have an inner diameter of 584 mm and are identical with the old French size marking 650B“. Ebenso ist 29 Zoll kein eigener Durchmesser, sondern laut Sheldon Brown „a marketing term for wide 622 mm ("700C") tires“ – eine 29-Zoll-Felge und eine 700C-Rennradfelge haben dasselbe Bett.
Ist am Rad nichts mehr lesbar, bleibt das Messen. Gemessen wird dabei der Felgenbett-Durchmesser selbst – also, der Definition folgend, der Durchmesser von Wulstsitz zu Wulstsitz bei abgezogenem Reifen, quer über die Felge. Miss NICHT den Außendurchmesser des aufgepumpten Laufrads: Der hängt von der Reifenbreite ab und ist genau der Wert, aus dem die uneindeutigen Zollnamen entstanden sind. Ein von Hand gemessener Wert ist immer eine Annäherung. Kommt etwas nahe an 622, 584, 559 oder 406 mm heraus, hast du eine der vier Größen erwischt, die diese Seite führt. Landest du woanders, heißt das NICHT, dass du falsch gemessen hast: Es gibt weitere Durchmesser, unter anderem die oben genannten 571, 590, 630 und 635 mm sowie 451 mm bei 20 Zoll. Wenige Millimeter entscheiden dabei – 583 und 584 mm oder 622 und 635 mm liegen dicht beieinander. Im Zweifel gilt die Angabe deines Felgen- oder Rad-Herstellers.
Damit zur zweiten Zahl, der Maulweite. Sie ist ein Innenmaß und kein Außenmaß: laut Sheldon Brown „the inner width between the flanges“, also der Abstand zwischen den beiden Flanken des Felgenbetts. Das ist der häufigste Messfehler an dieser Stelle – wer stattdessen die Außenbreite der Felge über die Flanken misst, bekommt je nach Felge mehrere Millimeter zu viel und landet damit in der falschen Klasse. Viele Felgen tragen den Wert aufgedruckt; sonst miss bei abgezogenem Reifen mit dem Messschieber von der Innenkante der einen Flanke zur Innenkante der anderen. Der Durchmesser ändert sich dadurch nicht: Maulweite und Durchmesser sind zwei unabhängige Maße derselben Felge.
Welche Reifenbreiten zu welcher Maulweite passen, führt Schwalbe in einer Kombinationstabelle nach ETRTO-Standard (Stand 05/2024). Ein Ausschnitt daraus – dieselben sechs Spalten, die auch der Finder anbietet: Maulweite 18 bis 20 mm trägt Reifenbreiten von 22 bis 57 mm, 21 bis 22 mm trägt 25 bis 65 mm, 23 mm trägt 28 bis 65 mm, 25 mm trägt 29 bis 71 mm, 28 bis 30 mm trägt 47 bis 71 mm und 31 bis 35 mm trägt 58 bis 83 mm. Das ist ausdrücklich eine Stichprobe, keine vollständige Wiedergabe: Die Tabelle führt weitere Spalten, unter anderem 15, 16, 17, 24 und 26 bis 27 mm sowie alles oberhalb von 35 mm bis hinauf zu 90 bis 100 mm für Fatbike-Felgen. Steht deine Maulweite hier nicht, heißt das also nicht, dass es sie nicht gibt – schlag sie in der verlinkten Tabelle nach. Und die Tabelle selbst ist eine Empfehlung, keine Zulassungsliste: Schwalbe setzt darunter den Hinweis „Immer die Angaben zum maximalen Luftdruck sowie Reifentyp [Tubless/Tube Type] des Felgenherstellers beachten.“ Im Zweifel gilt die Angabe deines Felgenherstellers, nicht die Tabelle.
Bleibt das Felgenbett-Profil. Schau dir das Felgenhorn an – den oberen Rand der Flanke, an dem der Reifenwulst sitzt. Klassische Felgen haben dort einen nach innen ragenden Haken. Hookless-Felgen haben ihn nicht: Laut Schwalbe haben sie „auf der Innenseite eine gerade Flanke und meist eine breitere Maulweite“. Der Unterschied ändert nichts am Durchmesser, aber er schränkt die Reifenwahl hart ein: „Hookless bzw. Straight Side-Felgen dürfen ausschließlich mit Schwalbe TLE/TLR-Reifen (Tubeless Easy/Tubeless Ready) kombiniert werden. Diese Reifen können sowohl mit Schlauch als auch Tubeless auf Hookless-Felgen eingesetzt werden. Die vom Laufrad-/ Felgenhersteller angegebenen, kompatiblen (Tubeless) Reifenbreiten müssen berücksichtigt werden. Insbesondere die Mindest-Reifenbreiten. Diese Einschränkung gilt unabhängig vom Einsatzzweck (MTB, Gravel/Cross, City/Tour, Rennrad)“, so Schwalbe-Produktmanager Felix Schäfermeier. Ein Schlauch macht die Auflage also NICHT hinfällig – sie gilt für beide Betriebsarten.
Beim Druck auf Hookless-Felgen gibt es keine Zahl, die überall gilt. Schwalbe nennt sie ausdrücklich für den Rennradbereich: Dort haben „die Hookless-Felgen laut ETRTO … einen Maximaldruck von 5bar. Dieser Reifendruck ist auch dann zwingend einzuhalten, wenn der Aufdruck der Reifen einen höhere Maximaldruck eingraviert hat.“ Maßgeblich ist immer der niedrigere der beiden Werte: „Wenn der angegebene Maximaldruck der Felge niedriger ist als der des Reifens, ist der Maximaldruck der Felge einzuhalten.“ Dazu kommt eine Mindestbreite – laut Schwalbe „empfehlen viele Felgen- und Laufradhersteller eine Mindestreifenbreite von 28 mm“. Übernimm diese Werte nicht als allgemeine Regel, sondern hol dir die Angabe deines Felgen- bzw. Laufradherstellers.
Bist du dir nach Ablesen und Messen immer noch unsicher, führt dich der Finder für Reifen & Felge (/de/reifen-felge/finder) in zwei Fragen zum Ergebnis: erst der Felgenbett-Durchmesser, dann die Maulweite – am Ende steht das für deine Maulweite empfohlene Reifenbreiten-Band, samt der Auflagen für Felgen ohne Haken.
Eine Frage beantwortet dieser Leitfaden bewusst nicht: ob der Reifen am Ende in deinen Rahmen und deine Gabel passt. Das ist keine Frage der Reifennorm, sondern eine Angabe deines Rad-Herstellers – dieselbe Grenze wie bei der maximalen Scheibengröße an der Bremsaufnahme. Durchmesser und Maulweite klärst du hier; die Reifenfreiheit klärt dein Rahmen.